Munition für die Kunst 

(Der erste Krieg) 

Was will ein Künstler? Egal, ob Maler, Tänzer, Sänger, Regisseur oder Autor, egal, ob sein Publikum aus Zehntausenden oder nur einer Person besteht – jeder Künstler will vor allem eines: Kunst machen. 

Genau das wird durch die Corona-Krise erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Denn Künstler zählen zu den Berufsgruppen, die die Einschränkungen das öffentlichen Lebens besonders hart treffen. Weil sie kein Geld verdienen können. Weil sie sich um ihre Existenz sorgen. Weil sie sich fragen, wie es weitergeht. Weil sie nicht wissen, ob es die InsVtuVonen, die ihre Kunst zeigen, morgen noch gibt. 

Und: Weil sie das, was sie tun, nicht tun können. Gerade der Künstler arbeitet in der Regel nicht »um zu«. Um reich zu werden, um die Miete zu zahlen, um nach acht Stunden wieder nach Hause zu gehen. Zumindest nicht in erster Linie. In erster Linie scha[ der Künstler, um zu schaffen. L ́art pour l ́art: die Kunst um der Kunst willen. Etwas um der Sache selbst willen zu tun heißt: ohne Hintergedanken an Anwendung, Geschä^ und Nutzen. Die ProdukVon als Selbstzweck. Zu schaffen – das reicht. 

Das geht auch jetzt, sagt Lukas Loske. Denn der Grund, warum der Künstler Kunst macht, ist nicht weggefallen durch Corona. Loske ist Fotograf. Die Anlässe, die er beruflich fotografiert, fehlen jetzt. Doch Loske ist auch Künstler – Meisterschüler bei Dieter Rehm an der Kunstakademie München, in München manchem bekannt durch seine Ausstellung Ariadne in der Seidlvilla (Süddeutsche Zeitung 14.3.2019: Im Stadtlabyrinth: 100 km quer durch München, einem orangeroten Kabel nach). Das Studium in seinem letzten Semester ist digital und auf ein Minimum reduziert. Wie es danach weitergeht, ist mehr als unklar. Was tun? 

Wie hil^ sich der Mensch in SituaVonen der Unsicherheit und Bedrohung? Loske wir^ einen Blick zurück, auf den ersten uns bekannten Krieg in der Geschichte der Menschheit. Vor 5.500 Jahren wurde die einst blühende Stadt Hamoukar von Angreifern ausgelöscht. Im heuVgen Grenzgebiet zwischen Syrien und Irak finden Archäologen die Überreste eines Hauses. In seinem Inneren: rund 1.100 Lehmkugeln – säuberlich aufgereiht um die Stelle herum, an der sie geferVgt wurden. Die Bewohner der Stadt wussten, dass sie bald angegriffen werden. In ihrer Not haben sie nicht mehr gegessen und nicht mehr geschlafen, sondern Tag und Nacht mit ihren Händen MuniVon geformt. Da, wo sie gerade waren: zuhause. 

Diese Geschichte hat Loske im Sinn, als ihm in seinem Stadneil Berg am Laim auffällt, dass seit Beginn der Corona-Krise einige Geschä^e schließen mussten. Die Ladenlokale stehen nun leer. Die Halle 50 nutzt er nun für eine KunstakVon: in der Margarete-Schüne-Lihotzky-Str. 30, im Domagkpark
 wird er ab Samstag, dem 28. November 2020 in den Raum hinter einer „Schaufensterscheibe“ einziehen. Eine selbst gewählte Quarantäne mit einer Matratze und etwas Proviant, aber vor allem: mit 2.000 kg Ton. Aus ihm will er Kugeln formen – so schnell und so viele, wie er schaffen kann. 24 Stunden, Tag und Nacht können ihm die Besucher bei der Arbeit zusehen, Corona-konform durch die „Schaufensterscheibe“. Eine Woche hat Loske Zeit, um ca. 6.000 Kugeln zu formen. Die Performance dauert so lange wie der Tonvorrat reicht. Wenn alle Kugeln ferVg sind, startet der Verkauf - spätestens am 6. Dezember, dem Nikolaustag. Dann können die Besucher Loskes Tonkugeln gegen eine Spende erwerben. Der Erlös geht komplen an den Horizont e.V. und die Kulturbühne Spagat, denn Theater und sozial benachteiligte Familien brauchen jetzt Unterstützung – sie leiden noch mehr unter der Krise als die bildenden Künstler. 

Warum Lukas Loske das macht? »Ich möchte nicht klagen und herumsitzen, sondern etwas tun. Dem Leerstand etwas entgegensetzen, was unsere Straße wieder belebt. Etwas, was die Menschen sich auch im Lockdown geschützt jederzeit ansehen können. Ich möchte zeigen, dass es Spaß macht, zu arbeiten, etwas zu tun, etwas zu schaffen. Die Kunst nutzen, um Menschen Kra^ zu geben. Meine MuniVon soll keine Waffe sein, sondern Nahrung zum Durchhalten.« 

Und vielleicht auch, um zu zeigen: Es gibt sie immer noch, die Künstler. Sie haben Schaffenslust. Sie wollen ihren Beruf ausüben. Und wie in vielen Krisen werden sie vielleicht auch in dieser die ersten sein mit einer Idee, wie es danach weitergeht. 

Munition für die Kunst (Der erste Krieg)
 Kunstaktion Von von Lukas Loske
 Halle 50, Margarete-Schüne-Lihotzky-Str. 30., 80807 München (Domagkpark) 

  28.11. – ca. 6.12.2020, rund um die Uhr
 Spätestens 6.12.2020: Stückweise Verkauf des Werks
 gegen eine Spende an Kulturbühne Spagat und Horizont e.V